SpaceX fliegt. Boeing kämpft. Was das mit deiner Methodenwahl zu tun hat.

Jun 18 / Philip Müller
2014 vergibt die NASA zwei Aufträge. Zwei Unternehmen sollen ein Raumfahrtsystem entwickeln, mit dem Astronauten zur Internationalen Raumstation fliegen können. Das Budget: rund 4,2 Milliarden Dollar für Boeing. Rund 2,6 Milliarden Dollar für SpaceX.

Boeing ist zu diesem Zeitpunkt ein Schwergewicht der Luft- und Raumfahrt. Jahrzehnte Erfahrung, bewährte Prozesse, etablierte Strukturen. SpaceX ist gerade einmal zwölf Jahre alt.

Was danach passiert, ist bemerkenswert. Und es wirft eine Frage auf, die weit über die Raumfahrt hinausgeht.

Was passiert ist

SpaceX verfolgt einen Ansatz, der stark auf frühes Testen und schnelles Lernen setzt. Die ersten Falcon-Raketen scheitern spektakulär. Das Unternehmen steht mehrfach kurz vor dem Aus. Doch aus jedem Fehlschlag werden Erkenntnisse gewonnen und in die nächste Iteration übernommen.

2020 bringt Crew Dragon erstmals Astronauten zur ISS. Seitdem fliegt das System regelmäßig und hat sich als zuverlässiger Bestandteil des NASA-Programms etabliert.

Auch Boeing entwickelt mit Starliner ein neues Raumfahrtsystem. Der erste unbemannte Testflug 2019 verläuft jedoch nicht wie geplant: Softwareprobleme verhindern das Andocken an die ISS. Beim zweiten Testflug 2022 erreicht Starliner sein Ziel, allerdings treten erneut technische Auffälligkeiten auf.

Im Juni 2024 starten schließlich die ersten Astronauten mit Starliner zur ISS. Während der Mission werden unter anderem Heliumlecks und Probleme an Triebwerken untersucht. NASA und Boeing entscheiden gemeinsam, die Kapsel vorsorglich unbemannt zurückzubringen. Die Astronauten kehren später mit einer SpaceX Crew Dragon zur Erde zurück.

Betrachtet man Kosten, Termine und die bisherige Einsatzhistorie, war SpaceX in diesem Programm eindeutig erfolgreicher.

Mehr als nur eine Geschichte über Gewinner und Verlierer

Diese Geschichte soll Boeing nicht schlechtreden.

Boeing entwickelt seit Jahrzehnten hochkomplexe Systeme in einer Branche, in der Fehler schwerwiegende Folgen haben können. Und natürlich lassen sich die Unterschiede zwischen Boeing und SpaceX nicht allein auf Projektmethoden reduzieren. Unternehmenskultur, Organisation, technische Entscheidungen und viele andere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle.

Trotzdem zeigt der Vergleich eine interessante Frage:
Passt die gewählte Vorgehensweise eigentlich zur Art des Problems?
Denn die Entwicklung eines völlig neuen Raumfahrtsystems ist etwas anderes als die Optimierung eines bekannten Produkts. Viele Herausforderungen sind zu Beginn noch unbekannt. Probleme werden oft erst sichtbar, wenn reale Tests stattfinden. Lernen wird zum Teil der Lösung.

Genau in solchen Situationen scheint ein Vorgehen hilfreich zu sein, das auf Experimentieren, Feedback und Anpassung setzt.

Das Muster begegnet mir auch in Unternehmen

Die Raumfahrt wirkt weit entfernt. Das zugrunde liegende Muster begegnet mir jedoch regelmäßig in Projekten.

Teams starten Digitalisierungsinitiativen und versuchen, sämtliche Anforderungen über Monate hinweg im Voraus festzulegen – obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand genau weiß, wie die Lösung am Ende aussehen wird.

Andere Projekte werden mit starren Meilensteinen gesteuert, obwohl sich Anforderungen während der Umsetzung ständig verändern.

Und manchmal passiert auch das Gegenteil: Scrum wird eingesetzt, obwohl die Anforderungen längst klar sind und eigentlich nur noch zuverlässig umgesetzt werden müssen.

Das Problem ist dabei nicht die Methode selbst.

Das Problem entsteht, wenn Methode und Situation nicht zusammenpassen.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht:
Welche Methode ist besser?
Sondern:
Welche Methode passt zu dieser Situation?

Es geht nicht darum, immer agil zu sein

Das ist ein Punkt, den ich in Trainings und Gesprächen immer wieder betone:

Agile Methoden sind kein Allheilmittel. Scrum ist nicht automatisch besser als ein klassischer Projektplan. Und Wasserfall ist nicht grundsätzlich veraltet.

Es gibt viele Situationen, in denen ein strukturierter, plangetriebener Ansatz genau die richtige Wahl ist.

Wenn Anforderungen stabil sind, regulatorische Vorgaben klar definiert sind und die Aufgabe grundsätzlich bekannt ist, dann können Planung, Spezifikationen und feste Abläufe enorme Vorteile bieten.

In anderen Situationen dagegen entstehen Erkenntnisse erst während der Umsetzung. Dann wird Lernen wichtiger als Vorhersagbarkeit.

Der entscheidende Faktor ist nicht, ob ein Vorgehen „modern“ oder „klassisch“ ist.

Der entscheidende Faktor ist die Passung zwischen Problem und Methode.

Die nächste Frage

Wenn die Wahl der Vorgehensweise so wichtig ist – wie trifft man diese Entscheidung eigentlich?

Woran erkennt man, ob eine Situation eher nach Planung verlangt oder nach Experimenten?

Und woher weiß man, wann Scrum sinnvoll ist – und wann eben nicht?

Genau darum geht es im nächsten Artikel.

Dort stelle ich das Cynefin-Framework vor – ein Denkwerkzeug, das hilft, unterschiedliche Situationen einzuordnen und daraus passende Vorgehensweisen abzuleiten.

Und ja: SpaceX und Boeing werden uns dabei noch einmal begegnen.

Philip Müller

Trainer, Consultant & Business Coach
About me
Philip Müller ist Founder & CEO von Agile Forge, PRINCE2-Trainer, AgilePM-Coach und zertifiziert in ITIL5 sowie Gen AI für Projektmanager (PMI). Mit über 10 Jahren Erfahrung in IT- und Business-Consulting begleitet er Teams und Führungskräfte dabei, Agilität und KI wirklich anzuwenden — nicht nur zu kennen.
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