Das Cynefin-Framework: Warum die Situation die Methode bestimmt

Jul 16 / Philip Müller
Im letzten Artikel ging es um SpaceX und Boeing.

Mehr Geld. Mehr Erfahrung. Trotzdem nicht das bessere Ergebnis.

Die spannende Frage lautet:

Warum funktionieren manche Vorgehensweisen in bestimmten Situationen besser als andere?

Genau hier kommt das Cynefin-Framework ins Spiel.

Was ist Cynefin?

Cynefin (ausgesprochen: ku-NEV-in, walisisch für „Lebensraum" oder „Umgebung") wurde Ende der 1990er Jahre von Dave Snowden entwickelt. Es ist weder ein Prozessmodell noch eine Projektmethode.

Cynefin ist ein Sensemaking-Framework.

Also ein Werkzeug, das hilft, Situationen besser zu verstehen, bevor man entscheidet, wie man handelt.

Der Grundgedanke ist einfach:
Nicht jedes Problem ist gleich.
Manche Situationen haben offensichtliche Lösungen. Andere erfordern Expertenwissen. Wieder andere lassen sich erst verstehen, indem man ausprobiert und lernt. Und manchmal herrscht schlicht Chaos.

Cynefin unterscheidet vier grundlegende Domänen sowie einen Zustand der Unklarheit.

Das Cynefin-Framework auf einen Blick

Quelle: Snowden, D. J. (Cynefin Framework / Cognitive Edge Materialien)
Das Cynefin-Framework nach Dave Snowden. Unterschiedliche Situationen verlangen unterschiedliche Vorgehensweisen.

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1. Clear (Eindeutig)

Ursache und Wirkung sind offensichtlich. Jeder erkennt den Zusammenhang. Es gibt bewährte Lösungen, die zuverlässig funktionieren.
Beispiele:
  • Standardprozess durchführen
  • Bekannten Fehler beheben
  • Formular bearbeiten
Passende Reaktion:
Einordnen → Kategorisieren → Reagieren

Was hilft hier?

Standards, Checklisten und etablierte Prozesse.

Brauchen wir hier agile Methoden?

Meist nicht. Wenn die Lösung bereits bekannt ist, erzeugen zusätzliche Meetings häufig mehr Aufwand als Nutzen.

2. Complicated (Kompliziert)

Die Zusammenhänge sind vorhanden, aber nicht sofort offensichtlich. Es braucht Analyse, Fachwissen oder mehrere Experten, um die beste Lösung zu finden.

Es gibt mehrere mögliche Antworten – mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen.
Beispiele:
  • Architektur für ein neues System entwerfen
  • Einen Businessplan erstellen
  • Eine Brücke planen
Passende Reaktion:
Einschätzen → Analysieren → Reagieren

Was hilft hier?

Expertise, Analyse und strukturierte Planung.

Brauchen wir hier agile Methoden?

Möglich – aber nicht zwingend notwendig. Häufig reichen klassische Projektplanung oder andere strukturierte Vorgehensweisen aus.

3. Complex (Komplex)

Hier wird es spannend.

In komplexen Situationen lassen sich Ursache und Wirkung erst im Nachhinein erkennen. Die Lösung ist zu Beginn nicht bekannt.

Das bedeutet: Man kann die richtige Antwort nicht vollständig analysieren.

Man muss sie entdecken.
Beispiele:
  • Eine neue Produktidee entwickeln
  • KI in ein Team integrieren
  • Ein innovatives Geschäftsmodell aufbauen
Passende Reaktion:
Sondieren → Beobachten → Reagieren

Was hilft hier?

Experimente, kurze Feedback-Schleifen und kontinuierliches Lernen.

Brauchen wir hier agile Methoden?

Genau für solche Situationen wurden iterative und adaptive Vorgehensweisen entwickelt.

Wenn die Lösung nicht vorab bekannt ist, entsteht sie häufig erst während der Umsetzung.

4. Chaotic (Chaotisch)

In chaotischen Situationen gibt es keine erkennbaren Zusammenhänge.

Es zählt nicht Analyse. Es zählt Handeln.
Beispiele:
  • Produktionsausfall
  • Cyberangriff
  • Akute Projektkrise
Passende Reaktion:
Handeln → Beobachten → Reagieren
Erst Stabilität herstellen. Danach analysieren.

Brauchen wir hier agile Methoden?

Nein. In echten Krisen braucht es schnelle Entscheidungen und klare Verantwortlichkeiten.

5. Confused (Unklar)

In der Mitte des Modells befindet sich kein eigener Problemtyp, sondern ein Warnsignal.

Wir wissen noch nicht, welche Art von Situation vorliegt. Und genau hier entstehen viele Fehlentscheidungen.

Denn wenn wir die Situation falsch einschätzen, wählen wir häufig auch die falsche Vorgehensweise.

SpaceX und Boeing – diesmal mit der Cynefin-Brille

Im letzten Artikel habe ich die Geschichte von SpaceX und Boeing erzählt.

Betrachtet man sie durch die Cynefin-Brille, ergibt sich zumindest eine interessante Hypothese. Vielleicht bestand ein Teil der Herausforderung nicht darin, dass eine Seite bessere Ingenieure hatte.

Sondern darin, wie mit Unsicherheit umgegangen wurde.

In komplizierten Situationen helfen Planung, Spezifikationen und Expertenwissen.
In komplexen Situationen reichen sie allein häufig nicht aus.
Dann werden Experimente, Feedback und Lernen zu einem zusätzlichen Erfolgsfaktor.

Ob genau das den Unterschied zwischen SpaceX und Boeing erklärt, lässt sich von außen nicht sicher beantworten.

Aber der Vergleich zeigt eindrucksvoll, warum die Einordnung einer Situation so wichtig ist.

Drei Fragen, die ich mir vor jedem Projekt stelle

Cynefin ist kein Fragebogen, den man einmal zu Projektbeginn ausfüllt. Es ist eher eine Denkhaltung.

Diese drei Fragen helfen mir bei der Einordnung:

Kennen wir die Lösung bereits?

  • Ja, und sie ist offensichtlich → Clear
  • Ja, aber wir brauchen Expertenwissen → Complicated
  • Nein, wir müssen sie erst entdecken → Complex

Was passiert, wenn wir falsch liegen?

Je höher die Unsicherheit, desto wichtiger werden kleine Schritte und schnelles Feedback.

Verändert sich die Situation durch unser Handeln?

Wenn sich das Umfeld durch unsere Entscheidungen ständig mit verändert, bewegen wir uns häufig im komplexen Bereich.

Was das für Methoden-Entscheidungen bedeutet

Die praktische Konsequenz ist überraschend einfach:
Erst die Situation verstehen. Dann die Methode auswählen.
Scrum ist kein universeller Standard. Ein klassischer Projektplan ist ebenfalls nicht veraltet.

Beides sind Werkzeuge.

Und wie bei jedem Werkzeug hängt der Nutzen davon ab, ob es zur Aufgabe passt.

Die Fähigkeit, das zu unterscheiden, ist aus meiner Sicht eine der wertvollsten Kompetenzen für Projektverantwortliche.

Cynefin im Kurs: Agiles Projektmanagement meistern

Das Cynefin-Framework ist eines der Werkzeuge, die ich in meinem Kurs „Agiles Projektmanagement" behandle.

Dort geht es nicht nur um Scrum, Kanban oder AgilePM.

Es geht vor allem um eine Frage:
Warum funktioniert eine Methode in einer bestimmten Situation – und in einer anderen nicht?
Genau dieser Unterschied macht aus Methodenwissen echte Methodenkompetenz.

→ Mehr zum Kurs:
Agiles Projektmanagement

Das Wichtigste in Kürze

Cynefin beschreibt vier grundlegende Situationstypen sowie einen Zustand der Unklarheit.

Der entscheidende Gedanke dahinter ist einfach:
Unterschiedliche Situationen verlangen unterschiedliche Vorgehensweisen.
Viele Probleme entstehen nicht, weil Teams Scrum oder klassische Projektplanung schlecht anwenden.

Sondern weil ein grundsätzlich gutes Vorgehen nicht zur Situation passt.

Cynefin hilft dabei, vor der Methoden-Diskussion zunächst die eigentliche Frage zu stellen:
Mit welcher Art von Problem haben wir es überhaupt zu tun?
Denn erst danach ergibt die Frage nach der passenden Methode wirklich Sinn.

Philip Müller

Trainer, Consultant & Business Coach
About me
Philip Müller ist Founder & CEO von Agile Forge, PRINCE2-Trainer, AgilePM-Coach und zertifiziert in ITIL5 sowie Gen AI für Projektmanager (PMI). Mit über 10 Jahren Erfahrung in IT- und Business-Consulting begleitet er Teams und Führungskräfte dabei, Agilität und KI wirklich anzuwenden — nicht nur zu kennen.
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